Leo Brunschwiler

Vernissageansprache, Walenstadt 3.9.2000

von Corinne Schatz, Kunsthistorikerin, Chur

Wo setzt ein Zeichner an, wenn er - den Stift in der Hand - vor der leeren Fläche eines Blattes sitzt? Was geschieht im Moment, da er den Stift auf das Blatt setzt und die ersten Bewegungen ausführt. Was führt seine Hand, wohin wird sie geführt? "Ich beginne jedes Bild im Vertrauen, dass es dann schon zeichnet, wenn ich erst mal begonnen habe", schreibt Leo Brunschwiler in einem Brief. "Es zeichnet ..." Aber was ist Es? Lässt sich diese Frage überhaupt beantworten, oder bleibt sie auch dem Künstler selbst Geheimnis? Vielleicht gelingt es uns, in der Begegnung mit den Werken, das Geheimnis ein wenig zu umkreisen, wenn auch sicherlich nicht, es zu lüften.

Ein erster Schritt führt uns nicht zu den Zeichnungen, sondern zur neuesten Werkgruppe im Schaffen Leo Brunschwilers: der grossen Wand-Installation aus über 170 CD-Hüllen, in die verschiedenste Gegenstände und Materialien eingelegt sind. Es sind Dinge aus dem persönlichen Alltag, aus der Arbeit im Atelier und aus dem privaten Leben, dem Haushalt, oder Dinge, die auf der Strasse liegen. Zum grössten Teil sind es Dinge, die normalerweise weggeworfen würden, wie Deckel von Petflaschen, gelbe oder rote Splitter von Auto- und Velolampen, Farbreste, verschweisste Drähte, elektronische Chips aber auch zerschnittene Telefonkarten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie entweder der technischen oder der künstlerischen Welt Brunschwilers entstammen. Es gibt keine Fundstücke aus der Natur, keine Pflanzen oder Steine. Eine bewusste Reduktion und Konzentration durch den Künstler, der in der Stadt lebt und in einer industriell geprägten Umgebung arbeitet. Die CD-Hüllen werden zu Minivitrinen, die unscheinbarsten Gegenstände erfahren in ihnen eine Steigerung in ihrer Materialität und ästhetischen Wirkung. Es sind kleine Akte der Raumgestaltung, der Raumeroberung, auch wenn dieser Raum ein sehr begrenzter ist. Die CD-Hüllen, jedem vertraut, repräsentieren zugleich eine digitale, eine virtuelle Welt, welcher durch die Benützung als Kleinstvitrinen die materielle Welt dieser Fundstücke entgegengesetzt wird. CD-Roms werden verwendet zur Archivierung und Speicherung wichtiger Informationen - Leo Brunschwiler schafft ein Archiv für gesammelte Unwichtigkeiten. Man denkt vielleicht an frühere Raritätenkabinette, die Urformen des modernen Museums, wo allerlei Besonderes, - ob durch Schönheit oder Hässlichkeit - Aussergewöhnliches, angesammelt wurde. Der heutige Künstler-Sammler wendet sich dem Banalen zu, dem Unauffälligen, scheinbar Uninteressanten, und verleiht diesem durch seine Aufmerksamkeit eine eigene Würde und Schönheit.

So verwandelt Brunschwiler den kompakten Raum der CD-Hülle in einen emotionalen Raum, wo achtlos Weggeworfenes eine gestalterische Neuorientierung und Deutung erfährt. Teilweise verändert der Künstler die Dinge, zerschneidet sie, zertrümmert sie. Der Zufall liegt in der Entdeckung der Dinge, danach jedoch folgt eine bewusste Gestaltung und In-den-Raum-Setzen.

Dass Künstler und Künstlerinnen mit gefundenem Material arbeiten, mit Abfall und Zufälligkeiten des Alltags gestalten, ist eine in der zeitgenössischen Kunst weit verbreitete Methode, erinnert sei nur an Dieter Roth. Sie begegnen ihrer Umwelt mit erweiterten Sinnen, entdecken Spannungsfelder und Ausdruckskraft in bescheidensten Materialien und Gegenständen der täglichen Umgebung. Leo Brunschwiler hat eine Form entwickelt, diese Arbeitsweise ganz persönlich zu formulieren, indem er die Dinge dem endlosen Kreislauf von Gebrauch und Zerstörung entreisst und ihnen eine Pause gibt, ihnen nicht nur physisch sondern auch zeitlich Raum schafft und dem Chaotischen des täglichen Lebens eine klare Ordnung gegenüberstellt. So (ver-) führt er uns Betrachter zu eigenen Entdeckungen in unserer eigenen täglichen Umgebung, öffnet die Augen, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Übersehene, Unsichtbare, erweitert und sensibilisiert die Wahrnehmung.

Dieser Umgang mit dem, was ihm "zu-fällt" lässt sich in gewisser Weise auch in seinen Zeichnungen entdecken.

Betrachtet man diese Blätter, so scheinen die Spuren in ihnen aus sich selbst gewachsen, als ob sie schon im Papier verborgen gewesen wären. Sie brechen an verschiedenen Stellen hervor und dehnen sich aus. Fast wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schiessen, da und dort verstreut und doch ihren Wachstumsgesetzen gehorchend, den Wegen folgend wo unsichtbar das Myzel im Dunkeln wirkt. Die Zeichnungen sind mehr als private Psychogramme und gestische Spuren eines egozentrischen Künstlers. Vielmehr scheint Brunschwiler zum Seismographen zu werden, der verborgene Energien und Formen ans Licht holt, sie der Unsichtbarkeit entreisst. Auf den Blättern materialisieren sich in Linien und Punkten, in offenen und kompakteren Formen visuelle Eindrücke und Spuren, die sich in der bewussten oder unbewussten Erinnerung des Künstlers festgesetzt haben.

Leo Brunschwiler versteht sich hauptsächlich als Zeichner; er erobert sich den Raum des Bildes mit Punkt und Linie, nicht aus der Fläche heraus wie ein Maler. Er arbeitet hauptsächlich mit Farb- und Ölstiften auf transparente Polyesterfolie, die als Bildträger seit einiger Zeit das zum Vergilben neigende Transparentpapier ersetzt. Gelegentlich entstehen auch Aquarelle und Objekte. In den letzten paar Jahren hat sich seine Farbpalette wesentlich erweitert und aufgeklart. Ein Spiel mit der wechselnden Konsistenz der Ölstifte, die langsam austrocknen, ergibt eine Vielfalt an Linienstrukturen und Farbvariationen. So bohrt er seine Farbstifte in die weichen Ölstifte und streicht damit über die Fläche des Papiers, kleine Farbkrümel bleiben an der Linie haften, geben ihr reliefartige Struktur und Materialität. Im Wechsel von Farbstift-Linien und Ölstiftspuren spielen die feinsten Farbvariationen.

Dem trockenen Farbauftrag, der auch bis zur Verwendung reinen Pigmentes gehen kann, stehen als Kontrapunkt die Aquarelle gegenüber, die einen der kleineren Räume beherrschen. Auch diese offenbaren den Zeichner, sind sie doch stark von linearen, zeichenhaften Formen besiedelt. Seine neueren Arbeiten sind geprägt von einer Konzentration auf 1-2 Schwerpunkte im Bild. Erschienen frühere Bilder wie Landschaften, durch die man wandern konnte, so begegnen nun eher einzelne, manchmal fast objekthafte Formen (wie z.B. in den beiden grossen Arbeiten mit den kästchenartigen Gebilden aus dem Jahr 1998). In diesen Arbeiten lässt sich beobachten, dass die Bewegungen im Bildraum oft gerichtet sind, hier nach rechts, wo sich ihnen ein Hindernis oder eine Gegenbewegung entgegenstellt.

Die Bilder leben von solchen pulsierenden Kontrasten, von entgegengesetzten Energien, wie Fliessen und Stillstand oder Hemmung, Expansion und Kontraktion, oder Ausdehnung und Begrenzung. Neu ist die Technik und Form des punktierten Auftrags, der viele Bilder prägt. Dies entspricht nicht etwa einem schnellen Stakkato, sondern die Punkte werden langsam und in ruhiger Bewegung aufgetragen.

Ein unscheinbares, kleinformatiges Bild erhält hier eine Schlüsselfunktion. Es zeigt die grundlegende Struktur vieler der neueren Arbeiten in einfachster Form: Grüne Punkte und kurze grüne Striche durchmischen sich, Statik und Dynamik, konzentrierte Ruhe und Expansion als konträre Kraftfelder begegnen sich in der gleichen Ebene, durchwirken einander. Zur Punkt-Technik schreibt Brunschwiler: "Fasziniert davon wie sich ein Bild am Bildschirm aus Pixeln aus der Unschärfe heraus zu einem lesbaren Bild zusammenbaut, habe ich diese Technik vermehrt angewandt, um herauszufinden, was sich mit diser Methode in meiner Zeichnung entwickeln oder aussagen lässt. Diese Recherche ist noch nicht abgeschlossen." (Brief vom 24.8.00) Und sie dringt bis in die dreidimensionalen Arbeiten hinein, denn so fern die kleinen, kugelförmigen Eisenobjekte diesen zarten Zeichnungen zu sein scheinen, so verwandt sind sie ihnen doch in ihrem Aufbau: Schweisspunkt um Schweisspunkt werden sie in langsamem Prozess zusammengefügt bis sie ihre jetzige Grösse und Form erreichen.

Wenn man über Leo Brunschwilers Kunst spricht ist man immer wieder versucht, Begriffe aus der Musik anzuwenden. Besonders augenfällig wird dies im Drahtobjekt, das den Raum durchspannt. Lötpunkte hängen daran wie Noten auf einer Linie, sie rhythmisieren den Raum mit unhörbaren Tönen. Die Musik, das Improvisieren auf einem vertrauten Instrument - der Künstler spielt selbst Geige - lässt sich aber auch beiziehen als Versuch einer Antwort auf die anfangs gestellte Frage der Bildfindung. Alles beginnt mit der Stimmung und der inneren Haltung des Künstles am Anfang der Arbeit. Eine geistige Offenheit, das Zur-Seite-Schieben bewusster Erinnerungen schaffen den Raum für die noch im Verborgenen liegenden Eindrücke, Gedanken und Empfindungen. Leo Brunschwilers Zeichnungen erzählen von seinen Wanderungen im Grenzland zwischen der äusseren Welt, die über die Sinne hereindringt, und der inneren Welt mit ihren Bildern und Klängen. Sein Wunsch ist es, "dass das anklingt, was nicht sichtbar ist", so wie John Cage das scheinbar Unhörbare oder Überhörte ins Zentrum rückte, die zufälligen Alltagsgeräusche zur eigentlichen Musik werden liess. In diesem Punkt begegnen sich das zeichnerische Werk und die Objektsammlung des Künstlers, indem sie auf unterschiedliche Weise Verborgenes ans Licht und ins Bewusstsein holen.

© Corinne Schatz, Chur, September 2000

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