Leo Brunschwiler

Wie kommen Düfte auf Papier ?

von Leo Brunschwiler

Sehr geehrte Damen und Herren

Auf der Einladung, die sie bekommen haben, stand:
"Leo Brunschwiler - Düfte auf Papier"
Wie kommen Düfte auf Papier?
Was geschieht, wenn ich am Duftstäbchen ein Parfum wahrnehme solange, bis eine für mich gültige Zeichnung zu diesem Duft entstanden ist?

Ich möchte es vorwegnehmen: Die Antwort auf diese Frage kann ich Ihnen nicht erschöpfend beantworten, gebe Ihnen aber gerne einige Hinweise:

Nehme ich einen bestimmten Duft wahr, so erzeugt dieser (bei mir) keine inneren abstrakten Bilder, vielmehr sehe auch ich, wie die meisten Leute, wenn sie intensiv von einem Duft berührt werden, das Bild einer Landschaft, eines Menschen, einer Situation oder eines Erlebnisses, jedenfalls naturalistische, realistische Bilder, wahrscheinlich kaum Bilder aus der Welt der Abstraktion.

Gerüche haben eine direkte Verbindung zu unserem bildhaften Erinnerungsvermögen, sie lassen z.B. vergessen geglaubte persönliche Erfahrungen als innere Bilder blitzartig abrufen. Sie können intensive Gefühle von einerseits Abscheu und Ekel bis andrerseits Glück, Erotik und Harmonie erzeugen . . .

Rieche ich einen Duft, fällt mir ein inneres Bild zu - scheinbar "zu-fällig"! Ich setze jetzt nicht dieses Bild naturalistisch um; sondern ich versuche die Stimmung, die Qualität, die Energie, den Gehalt des Bildes zu interpretieren und in eine "energetische" Zeichnung zu transferieren. Selten gelingt dies im ersten Versuch. Meist sind mehrere Fassungen nötig, in denen ich mich in einem langsamen Prozess der Essenz des Duftes annähere, bis ich letztlich zu einer Zeichnung gelange, welche zuerst meinen eigenen Ansprüchen genügen muss.

Als Qualitätskontrolle dieses Vorgangs dienten mir Feedbacks vor allem von meiner Partnerin Marlis. Aber auch Freunde, welche mich im Atelier besuchten, wurden nicht eher verabschiedet, bis sie die Düfte gerochen, und mir dazu ihre Bilder geschildert, ihre Assoziationen mitgeteilt und mir ihren Kommentar zu den entsprechenden Düften gegeben hatten. - Zusätzlich dienten mir auch Texte von ETRO, welche die Düfte beschreiben, als Objektivierung meiner eigenen Wahrnehmung.

Gerne erzähle ich Ihnen dazu exemplarisch meinen Prozess mit der Umsetzung des Duftes "Messe de Minuit":

Wie ich dieses ungewöhnliche Parfum zum ersten Mal roch, bekam ich das Bild einer alten barocken Kirche in Italien, dunkel, leer, mit hölzernen, knarrenden Kirchenbänken und ausgetretenen Steinplatten-Böden. An den dicken Wänden, Schutzmauern gleich, bröckelnde Bilder mit überladenen Heiligen- und Märtyrerszenen. Irgendwo betet eine schwarz gekleidete Nonna einsam den Rosenkranz. Der Weihrauch der unzähligen Zeremonien der letzten Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte hat alles durchdrungen und getränkt mit seiner süsslich-schweren Energie. Von draussen dringt ferner Verkehrslärm in diese irgendwie geborgene einsame Stille.

Diese, meine ganz persönliche Assoziation zu diesem Duft wollte und konnte ich so nicht zu Papier bringen. Es galt, das Dunkle, das Positiv-Introvertierte, die geborgene Stille dieses Duftes mit Farben, mit dem Duktus des Striches, mit Formen umzusetzen. Es musste eine Zeichnung mit einer geschlossenen, freien, auch etwas unklaren Form sein, kräftig und in der Strichführung undeutlich bleiben. Innere Bewegtheit wie Meditation sollten möglich sein. Die Farbgebung wollte ich intuitiv in schwarz und dunkelblau halten.

   



"Messe de Minuit"

Wie ich an der Umsetzung dieses Duftes arbeitete, besuchte mich ein Freund im Atelier. Er ist weder Künstler noch ein Fachmann für Düfte. Er ist Heilpädagoge, ein Mensch mit einer sehr differenzierten Wahrnehmung. Ich habe ihm "Messe de Minuit" auf ein "Tempo" gesprüht. Dabei geriet ungeschickterweise etwas auf seine Hand (ein Detail, das später wichtig werden sollte !) Er nahm das Parfum konzentriert wahr und sagte spontan: "Beichtstuhl". Im anschliessenden Gespräch erfuhr ich, dass unsere vom Duft generierten Bilder einander sehr ähnlich waren. Bald darauf fuhren wir im Auto gemeinsam ins Stadtzentrum von Zürich und gerieten in einen Stau, wo praktisch nichts mehr ging. Es war Freitagabend, Sommerhitze; es herrschten Gedränge und Aggressionen unter den Autofahrern, welche alle endlich in das erholsame Wochenende wollten. Das war die Strassen-Stimmung.

Mein Freund - bald entnervt - strich sich mit der Hand übers Gesicht, sofort stieg ihm "Messe de Minuit" von seinem Daumen in die Nase, er lehnte sich zurück und sagte: "Was da draussen abgeht, das geht mich alles gar nichts an, das kommt gar nicht mehr an mich heran ..." (Ich musste "Messe de Minuit" sofort auch nochmals riechen!) - Ja, der Duft bewirkte eine augenblickliche Entspannung dadurch, dass in uns das Bild der italienischen Barockkirche mit ihren dicken Mauern geweckt wurde und das aggressive Geschehen, das ganz nahe bei uns war, weit weg erscheinen liess ... Sofort wurde mir klar: Das galt es auszudrücken: Diese innere Gelassenheit, diese positive Introversion, diese fast als veraltet geglaubte innere Geborgenheit, diese Schutzfunktion vor Stress und Konflikt als energetische Qualität dieses Duftes in einer visuellen Umsetzung auf Papier zu bringen. - Ob mir dies mit "Messe de Minuit" im speziellen gelungen ist, überlasse ich gerne ihrer Beurteilung.

So hat jede Zeichnung in der Entstehung eine ihr eigene Geschichte. Zu weit würde es hier führen, den Gestaltungsprozess aller 14 Düfte zu erzählen. Grundsätzlich suchte ich die gemeinsame Assoziations- und Sensorik-Ebene von Duft und Zeichnung. Ich wollte dahin gelangen, wo Kunst und Duft gemeinsam unser Innerstes zu berühren vermögen. - Und in der Ausführung hielt ich mich sehr gerne an Gimmo Etros Philosophie: "Weniger ist mehr". Anzufügen bleibt noch, dass die gewählte Bildgrösse mit einer Wertung des Duftes nichts zu tun hat: Das Bildformat begründet sich einzig aus formalen und ästhetischen Gesetzen.

Die Düfte von ETRO haben für mich etwas Gemeinsames: Sie alle atmen den mediterranen Geist des "Joie de Vivre" in einer sehr veredelten Form! Sie sind fast alle auf ihre Weise lichtdurchflutet wie "Lemon Sorbet", sonnig wie "Heliotrope", freudvoll wie "Vicolo Fiori", frisch wie "Vetiver". Sie vitalisieren besondere Energien (wie am Beispiel "Messe de Minuit" soeben aufgezeigt) auf sehr subtile Art. Dies wollte ich - der Eigenheit eines jeden Duftes speziell entsprechend - ausdrücken.

Die Düfte haben mich enorm inspiriert, sie haben mich bereichert und ich möchte mich bei Heide Mischke und Carlos Ramirez ganz herzlich bedanken

  1. für die Idee und den Auftrag "Düfte auf Papier" zu bringen
    (ich kenne kein vergleichbares Projekt!) und
  2. das Vertrauen, das sie mir geschenkt haben.
    Beide haben die fertigen Arbeiten erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal gesehen.
Ich freue mich sehr, Ihnen heute das Ergebnis meiner Beschäftigung mit den Düften von ETRO vorstellen zu dürfen. - Ich möchte sie dazu animieren, hier die Chance wahrzunehmen, Duft und Bild in ihrer Synchronizität zu erleben.

Ich bin gespannt, wie es Ihnen dabei geht . . .

Ulm, 13. September 2000
© Leo Brunschwiler


Eine Auswahl der 15 Zeichnungen ansehen: Bilder: Düfte auf Papier

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